Geschichte
Ein Rückblick auf die Entwicklung der Psychedelik von den Anfängen der Forschung über das Verbot von 1971 bis hin zur heutigen Renaissance in den Neurowissenschaften.
Eleusis heißt übersetzt „Advent“, oder auch “Ort der glücklichen Ankunft” und steht in Zusammenhang mit “Elysion”, der Insel der Seligen. Es ist auch die Stadt Elefsina, 20 km nahe Athen in Griechenland. Der Mysterien-Kult von Eleusis war eines der bestgehüteten Geheimnisse der Antike. Fast zweitausend Jahre lang, bis zur Zerstörung des dortigen Tempels durch christliche Barbaren im 4. Jahrhundert, zogen Wallfahrer jedes Jahr im September auf der Heiligen Straße nach Athen bis Eleusis, fasteten und umtanzten den der Göttin Demeter geweihten Brunnen im Vorhof des Tempels. Die Nacht verbrachten sie in der Mysterienhalle, einem fensterlosen Saal und nahmen - alle gemeinsam - einen „heiligen Trank“, den Kykeon. Und so geschah es - eine so unmittelbare Erfahrung wurde erlebt, dass sie nur „geschaut", aber nicht ausgesprochen werden durfte. Bis hin zur Todesstrafe war es verboten, über das Erlebte zu berichten. Die Philosophen Sokrates, Platon, Aristoteles, sie waren, wie alle Griechisch sprechenden Menschen ihrer Zeit, mindestens einmal im Leben nach Eleusis gepilgert, um diese Innenschau zu zelebrieren. Der Weg nach Eleusis diente dazu, alle Teilnehmer.innen zu vereinen und die für das normale Leben geltenden Regeln in Bezug auf Geschlechter und das gesellschaftliche Miteinander aufzuheben. Indem die Prozession die Schranken der Gesellschaft aufhob, offenbarte sie die grundlegende Gleichheit und Einheit aller. Die Prozession förderte und schützte ein gemeinsames Verständnis der Menschen für ihr endgültiges Schicksal, den Tod. Die Riten in Eleusis galten als überlebenswichtig für die Menschheit, und es hieß, dass das Leben der Griechen unerträglich wäre, wenn sie an der Einhaltung der heiligsten Mysterien, die die gesamte Menschheit zusammenhalten, gehindert würden.
Tausende von Büchern über die Mythologie Griechenlands wurden seitdem geschrieben, hunderte von Abhandlungen über die eleusinischen Riten verfasst - doch was im Zentrum dieses Mysteriums stand, bleibt bis in unsere Tage ein Rätsel.
Erst Ende der siebziger Jahre gelang es in interdisziplinärer Zusammenarbeit, eine plausible Hypothese aufzustellen. Der Bankier und Ethnobotaniker Gordon Wasson, der Pharmakologe und Chemiker Albert Hofmann und der Altertumsforscher Carl A.P. Ruck vermuteten, dass der „heilige Trank“, das Kykeon, eine Zubereitung aus einem halluzinogenen Pilz sein könnte. Und zwar aus Claviceps Purpurea, der im Deutschen „Mutterkorn“ genannt wird und als Schmarotzer auf Getreidearten wächst. Dieser Pilz enthält einen chemischen Vorläufer des LSD, des stärksten bekannten Psychedelikums, das Albert Hofmann 1943 zufällig entdeckt hatte, als er mit den Alkaloiden des Mutterkorns experimentierte. In Ihrer Studie weisen die Autoren darauf hin, wie eng dieser Pilz auch mit dem Mythos der Demeter, der Erdgöttin, verflochten ist. Dieser zu Ehren wurden die eleusinischen Mysterien gefeiert.
Der Trank von Eleusis verbreitete sich in Form eines von Frauen zubereiteten, dionysischen Weins im gesamten griechischen Großreich, bis in die Region von Galiläa, wo später der Wanderprediger Jesus mit seinem ersten Wunder die „trockene“ Hochzeit zu Kana in ein weinseliges Fest verwandelte - und zwar ganz in der Tradition der Rituale von Eleusis. Bis ins 4te Jahrhundert setzte die im römischen Reich verfolgte Sekte der Christen ihre Praktiken in Katakomben und Privathaushalten fort. Als Kaiser Konstantin das Christentum dann zur Staatsreligion machte, verschwanden die Priesterinnen aus den Ritualen, das Sakrament wurde zum Placebo, und der größte und wichtigste Tempel des Abendlandes wurde zerstört.
In unserer Kulturgeschichte scheint Eleusis das letzte Heiligtum zu sein, das die visionäre Erfahrung in eine institutionelle Form gebracht hat: Ein Gleichgewicht zwischen Transparenz und Geheimhaltung, zwischen Politik und Heiligtum. Hofmann hat wiederholt erklärt, dass er sich ein neues Eleusis wünscht. In der Tat ein interessanter Vorschlag.
Die Geschichte der Psychedelika beginnt also nicht im Labor, sondern im Ritual. Lange bevor es Begriffe wie „Neurotransmitter“ oder „Bewusstsein“ gab, wussten Menschen, dass bestimmte Pflanzen, Pilze und Zubereitungen Tore zu Bildern, Einsichten, zu Angst und Ekstase, aber auch zu Heilung und Sinn öffnen konnten. Diese Erfahrungen wurden nicht zufällig gesucht, sondern eingebettet in Jahreszeiten, Übergangsriten und Gemeinschaften.
Kulturen auf der ganzen Welt erforschten ähnliche Wege. In Mittel- und Südamerika wurden Psilocybin-Pilze als „Fleisch der Götter“ verehrt, Peyote begleitete Visionen von Verantwortung und Zugehörigkeit, Ayahuasca verband Menschen mit Ahnen, Tieren und dem Wald selbst. In Afrika führte Iboga durch Erfahrungen von Tod und Wiedergeburt, in Asien rankten sich um Soma und Cannabis religiöse Praktiken, und in sibirischen Regionen wurde der Fliegenpilz Teil schamanischer Kosmologien. Überall ähnelte sich weniger die Substanz als die Haltung: Die Erfahrung war heilig, gefährlich, heilsam – und nie privat. Sie verlangte Vorbereitung, Anleitung und vor allem Integration ins soziale Leben.
Diese lange Beziehung zwischen Mensch und psychedelischer Erfahrung wurde in der Neuzeit jäh unterbrochen. Mit Kolonialisierung, Missionierung und der Durchsetzung eines rational-christlichen Weltbildes wurden ekstatische Praktiken zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Indigene Rituale galten als heidnisch oder dämonisch, Pflanzenwissen wurde unterdrückt, und das Erleben direkter Transzendenz wich einem Glauben, der sich stärker auf Texte, Dogmen und Autoritäten stützte. Psychedelische Erfahrungen verschwanden nicht, aber sie wurden an den Rand gedrängt – ins Verborgene, ins Illegale oder ins Schweigen.
Erst im 20. Jahrhundert kehrten sie unerwartet zurück, diesmal durch die Hintertür der Chemie. In den 1950er- und 60er-Jahren begann eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung: Psychiater setzten Psychedelika bei Depressionen, Sucht und existenzieller Angst ein, oft mit erstaunlichen Ergebnissen. Gleichzeitig fanden diese Substanzen ihren Weg aus Kliniken in die Gegenkultur. Sie wurden Symbole von Freiheit, Protest und Bewusstseinserweiterung – und damit politisch. Die Reaktion folgte prompt. In den 1970er-Jahren wurden Psychedelika im Zuge des „War on Drugs“ kriminalisiert und als gefährlich, nutzlos und gesellschaftspaltend eingestuft. Die Forschung kam fast vollständig zum Erliegen und was über Jahrtausende als Werkzeug der Sinnsuche gedient hatte, wurde nun als Bedrohung der Ordnung betrachtet. Für Jahrzehnte schien diese Geschichte beendet.
Seit der Jahrtausendwende erlebt die psychedelische Forschung jedoch eine Renaissance. Moderne Bildgebung zeigt, wie Psychedelika starre Selbstmuster im Gehirn auflockern, wie sie neue Verbindungen ermöglichen und helfen können, feste Narrative zu lösen. Klinische Studien belegen Wirksamkeit bei Depression, Sucht, Angst und Trauma – immer unter einem entscheidenden Vorbehalt: Die Substanz allein wirkt nicht.
So schließt sich der Kreis auf eine stille, fast paradoxe Weise. Die moderne Psychonautik – oft verstanden als individuelle Erforschung des Bewusstseins – greift unbewusst auf etwas sehr Altes zurück. Was heute in therapeutischen Räumen, Laboren oder in sorgfältig vorbereiteten inneren Reisen geschieht, ähnelt in seiner Struktur den Initiationen früherer Kulturen: der bewussten Grenzüberschreitung, dem zeitweiligen Verlust des gewohnten Selbst und der Rückkehr mit einer veränderten Perspektive. Der Unterschied liegt weniger in der Erfahrung selbst als in der Sprache, mit der wir sie deuten.
Wo früher Götter, Geister oder Ahnen begegneten, sprechen wir heute von neuronalen Netzwerken, Default-Mode-Dämpfung oder autobiografischen Mustern. Doch beide Perspektiven umkreisen dasselbe Phänomen: das Aufbrechen eines zu engen Selbstbildes.
In diesem Sinne führen Psychedelika nicht zurück in eine verlorene Vergangenheit und auch nicht einfach in eine technisierte Zukunft des Geistes. Sie erinnern daran, dass Erkenntnis immer verkörpert, erlebt und integriert werden muss. Die uralten Traditionen wussten um die Notwendigkeit von Ritual und Gemeinschaft, die moderne Forschung um die Bedeutung von Set, Setting und Nachbereitung. Beides sind unterschiedliche Antworten auf dieselbe Einsicht: dass Bewusstsein nicht nur verstanden, sondern verkörpert werden will.
Wie können wir den undurchsichtigen Tag, in dem wir uns befinden, beobachten? Wie wirken sich unsere grundlegenden Annahmen (unsere Ontologien) auf die Welt und uns selbst aus? Was ist die Natur des Schleiers, der Körper und Bewusstsein voneinander trennt? Wie steht es um das Recht, das Bewusstsein zu erforschen? Und wer stellt überhaupt diese Frage?
